Trinken und trinken müssen

Dienstag, 7.00 Uhr, ich sitze in der U-Bahn und fahre in die Schule, Matheklausur ist angesagt. Es ist nicht so, das ich was gegen Mathematik habe, im Gegenteil, nichts ist klarer, nichts ist logischer als die Mathematik. Ein Ergebnis kann nur richtig oder falsch sein. Letzteres ist nicht so prickelnd. Ich habe geübt und stundenlang am PC verbracht, um sicher zu sein die Arbeit mit einer 1 oder wenigstens mit einer 2 abzuschließen. Die Bierflasche in meiner Hand ist fast leer. Trotzdem bin ich nervös. Normalerweise nimmt mir das Bier den Stress. Ich werde wohl noch eine trinken. Der Kioskinhaber vor der Schule nimmt es mit dem Alter nicht so genau.

7.20 Uhr- Hat prima geklappt, der fragt nie nach dem Ausweis. Das Klappern der zwei Flaschen in meiner Tasche wirkt beruhigend. Komisch, eigentlich schmeckt mir Bier nicht, warum trinke ich es dann? Egal, jetzt ist Mathe angesagt.

7.35 Uhr- Jetzt klappert nichts mehr in meiner Tasche, eine Flasche alleine kann nicht klappern. Ich bin mir sicher, die Mathearbeit mit einer 1 zu beenden. Wie gesagt, nichts ist so einfach wie Mathematik, ich liebe Mathe. Man kann so ziemlich mit allem belogen werden, nur nicht mathematisch.


10.00 Uhr- Warum habe ich mir Sorgen gemacht? War doch klar, dass ich es schaffe. Ich sitze in der Mensa, mir gegenüber Sandra. „Ich glaube, ich habe es voll vergeigt“, spricht sie mich an, „ich packe das nicht, das ganze Abi ist mir zuviel, ich ackere und büffele und krieg nichts in mein Hirn hinein, sag, wie machst Du das?“ „Stressregulierung“, erwidere ich. „Ein Fläschchen Bier, hin und wieder zwei und schon prallt alles von Dir ab“. „Quatsch“, sagt Sandra, „mit Bier im Kopf wird mein Wissen auch nicht größer und der Stress mit meinen Eltern  nicht  kleiner“. „Stimmt“, antworte ich, „aber es ist Dir egal.“

15.30 Uhr- Ich muss die Fahrstunde ausfallen lassen. Wenn die Fahrlehrerin die Fahne mitkriegt, schickt sie mich sowieso wieder nach Hause. Das ist ein Riesenschwachsinn, jeder, der den Führerschein hat, kann in aller Ruhe ein Bier trinken und trotzdem Auto fahren. Hauptsache er bleibt irgendwie in der Promillegrenze. Nur ich darf nicht mit 0,5 Promille fahren, das ist Schikane!

17.00 Uhr- Ich zerkaue eine Gewürznelke um die Alkoholfahne zu verbergen und bringe die vier leeren Flaschen in den Müll. Hoffentlich kriegt mein Vater nichts mit. Der macht dann einen Riesenalarm!

20.15 Uhr- Er hat’s mitbekommen! Voll der Anschiss! Ich liege auf meinem Bett, Taschengeldentzug, Stubenarrest, Handy kassiert und als Krönung, meine letzte Flasche Bier ins Klo gekippt.

Ich mache den Fernseher an, es läuft Werbung, eine Frauenstimme sagt gerade: „und eine Flasche von die Bier, die so schön hat geprickelt in meine Bauchnabel“.


22.00 Uhr- Nix mit schlafen, ich wälze mich schweißgebadet im Bett, wenn ich 18 bin, ziehe ich hier aus und ich krieg garantiert kein Heimweh. Ich lache, weil ich an meinen Großvater denke, der immer sagte: „Durst ist schlimmer als Heimweh.“ Eine ohnmächtige Wut überkommt mich, was bilden die sich ein?

Ich bringe eine 1 nach der anderen nach Hause, wasche das Auto, helfe Mutti in der Küche. Außerdem gebe ich den Loser- Kids Nachhilfeunterricht und und und!

Als Dank sehen die in mir einen angehenden Alkoholiker, so ein Quatsch! Ich werde es denen schon zeigen, ich werde Rechtsanwalt und kein Säufer.

23.10 Uhr- Das blöde Sparschwein meiner Schwester ist kaputt gegangen, nun merkt sie es doch.

00.15 Uhr- Ich verlasse die 4. Kneipe ohne Bier, nur weil ich noch nicht 18 bin. Ich laufe zum Hauptbahnhof, an irgendeinem Kiosk wird es schon klappen.

00.35 Uhr- 3 Flaschen Bier stehen zwischen mir und der Verkäuferin. Ich lege  5 € auf den Tresen, die Verkäuferin sieht mich skeptisch an. Ich sehe ihr an, wie sie die Frage formuliert. Ich spüre, wie sich die Buchstaben aneinander reihen.

Ich versuche einen coolen Eindruck zu machen. Ihre Lippen öffnen sich und ich höre den Satz: „Na, wie alt sind wir denn?“

01.45 Uhr- Es schmeckt nicht, aber das Gefühl ist cool. Niemand ist mir gefolgt, als ich die 2 Flaschen Bier vom Tresen riss und los rannte. Es wird nicht mal eine Anzeige geben. Schließlich habe ich die 5 € liegenlassen und damit noch ein gewaltiges Trinkgeld gegeben.

Ich habe noch 12 € und 30 Cent. Der morgige Tag ist gerettet.

Dies ist ein Tag aus dem Leben eines Trinkers.

Quelle: Jonny Ruuk | Foto: NickyPe

Jonny Ruuk
Author: Jonny Ruuk

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