Die Weihnachtsgeschichte ohne Weihnacht

Quergedacht mit Jonny Ruuk

+++ Am Ende der Welt +++ Am Ende der Welt +++

8.55 Uhr: Der kleine Abel zieht seine klapperige Karre mit den zwei Plastikkanistern die staubige Straße entlang. Er holt jeden Morgen das Wasser, das seine Mutter für die Tee- und Essenszubereitung benötigt. 5 km hin und 5 km zurück. 5 km- Felsen, Mohnfelder, ein Autowrack und zwei ausgebrannte Panzer. Er sieht das unbewohnte Haus seines Großvaters. Es steht zwei-, dreihundert Meter abseits der Straße.

+++Deutschland+++Deutschland+++

8.55 Uhr: Kain ist wütend. Das Wasser der Dusche ist lauwarm und das jeden Morgen. Der 250 Liter Warmwasserbehälter ist zu klein, es reicht einfach nicht für eine fünfköpfige Familie. Seine Frau Peggy und die drei Kinder sind immer zuerst im Bad und wenn die fertig sind, ist das warme Wasser alle. Eine große und drei kleine Frauen wollen eben schön sein und am Sonntag erst recht. Heute ist sein großer Tag. Um 10.00 Uhr wird der Pfarrer ihn in der Kirche zum Gemeinderat ernennen. Es ist ein schönes Gefühl zu wissen, dass die ganze Gemeinde hinter ihm steht. Die 5.000 € für die Restauration des Taufbeckens hat er fast alleine aufgebracht. Dafür möchte er keinen Dank. Kain weiß, dass es ihm gut geht. Er ist Entwicklungsingenieur in einem großen Konzern. Sein Arbeitsplatz ist sicher. Er ist gut in seinem Job.

+++ Am Ende der Welt +++ Am Ende der Welt +++

9.20 Uhr: Der kleine Abel war noch nie im Haus seines Großvaters, auch der Großvater war seit über 6 Jahren nicht mehr dort. Die Straße, auf der Abel steht, ist strategisch wichtiges Gelände. Rechts der Straße haben die Guten das Sagen und links derselben bestimmen die Bösen. Was immer das auch heißen mag, er hat das nie verstanden. Abel mag alle Leute, links und rechts war ihm egal. Jedenfalls haben die Guten oder die Bösen vor 6 Jahren das Gelände links und rechts der Straße vermint. Seine Mutter und alle im Dorf, die größer sind als er und das ist fast jeder, haben ihm bei Strafe verboten die Straße zu verlassen. Selbst wenn er ein Wachtelnest sieht, darf er nicht die Eier aus dem Nest holen. Das sei zu gefährlich, sagen die Großen.

+++Deutschland+++Deutschland+++

9.20 Uhr: Kain ist rasch noch mal in sein Büro gefahren. Er braucht die Akte Hum./34, in der die Zündvorrichtung für die Landmine beschrieben ist. Das Hum steht für human. Die UNO, oder war es das Verteidigungsministerium, hatte vor Jahren angeordnet, den Explosionsradius der Landmine soweit zu vergrößern, dass es möglich ist, einen potentielle Aggressor unmittelbar und schmerzfrei auszuschalten. Den Zündmechanismus zu verbessern ist Kains Aufgabe. Er weiß, wie wichtig sein Job für den Weltfrieden ist. Nur das Gleichgewicht der Kräfte kann den Frieden sichern. Davon ist er überzeugt. Es ist ein gutes Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.

+++ Am Ende der Welt +++ Am Ende der Welt +++

9.45 Uhr: Der kleine Abel weiß, dass am Haus seines Großvaters ein Brunnen ist. Oft hörte er die großen Leute sagen, wie kühl und klar das Wasser in diesem Brunnen sei. Viel besser als das Wasser aus dem Tankwagen der Stadt. Der Weg zum Brunnen ist viel kürzer, als der in die Stadt. Statt den weiten Weg zu laufen, könnte er sich von Leandra
Geschichten erzählen lassen. Was ist schlimm, wenn ich zu Großvaters Haus laufe und das Wasser hole? Vater und Mutter würden schimpfen. Vater und Mutter können mich jetzt nicht sehen, sie sind nicht hier. Und wenn was Schlimmes passiert, laufe ich zurück zur Straße.

+++Ende der Welt+++Ende der Welt+++

9.57 Uhr: Kain fährt mit seinem Mercedes, samt Familie, auf den Parkplatz der Kirche.

+++ Am Ende der Welt +++ Am Ende der Welt +++

9.57 Uhr: Der kleine Abel verlässt mit seiner klapperigen Karre, samt den zwei Kanistern, die Straße.

+++Deutschland+++Deutschland+++

9.58 Uhr: Beim Aussteigen fällt Kain die Bibel aus der Hand und bleibt aufgeschlagen liegen.

+++ Am Ende der Welt +++ Am Ende der Welt +++

9.58 Uhr: Der kleine Fuß von Abel befindet sich 10 cm über der Landmine Hum./34.

+++Deutschland+++Deutschland+++

9.59 Uhr: Kain hebt die Bibel auf und liest auf der scheinbar zufällig aufgeschlagenen Seite 1. Mose Kapitel 4 Vers 8: „Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“

+++ Am Ende der Welt +++ Am Ende der Welt +++

9.59 Uhr: Nur 10 Meter von der Straße entfernt liegt ein kleiner toter Junge.

+++Deutschland+++Deutschland+++

10.00 Uhr: Die Kirchenglocken läuten……

+++ Am Ende der Welt +++ Am Ende der Welt +++

Zwei in weiß gekleidete Männer knien neben Abel. „Ich bin Jesus von Nazareth“, sprach der eine und „ich bin Mohamed der Prophet des Herrn“, sagte der andere. „Wir sind deine Brüder. Lass uns zum Haus des Herrn gehen, wir wollen dort auf Kain warten.“

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Quelle: Jonny Ruuk | Foto: 20672 auf Pixabay 

Jonny Ruuk
Author: Jonny Ruuk

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